Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein Land in dem Ritter lebten, Zwerge, Riesen, Hexen, sicherlich auch Drachen und anderes Ungetüm…

Ob das wirklich so stimmt, das weiß ich nicht. Riesen habe ich noch keine gesehen, Hexen nicht und Ungetüme nicht in der Art, wie man es sich in Märchen vorstellt. Ich war zwar schon im Museum, und habe die Knochen von Dinosauriern gesehen – aber das muss vor noch längerer Zeit gewesen sein, und ob das die Drachen waren, von denen in Märchen erzählt wird, mag ich mir nicht recht vorstellen.

Wie auch immer, Märchen beginnen eben so, denn das hat sich bewährt.

Ach ja, Ritterburgen habe ich schon gesehen, und bestimmt warst auch Du schon mal mit Deinen Eltern auf einem der alten Gemäuer, die meisten sind jetzt ja nur noch Ruinen…

Freilich, zu der Zeit, als sie gebaut wurden, boten sie den Menschen Schutz und Sicherheit. Ritter und Soldaten wohnten dort und bewachten das umgebende Land, die Dörfer und Städte.

Manchmal kamen fremde Menschen und versuchten sie zu erobern. Sie belagerten die Burgen, versuchten mit Gewalt oder mit List und Tücke einzudringen. Deswegen war es wichtig, dass in friedlichen Zeiten die Anlagen gepflegt und repariert wurden. Es gab Steinmetze, Zimmermänner, Maurer und viele andere, die Mauern verstärkten, Risse reparierten, Gräben aushoben…

Und jetzt stell Dir vor, dass es in Deinem Mund ähnlich zugeht: kleine Zahnritter leben auf ihren kleinen weißen Burgen; und einer von ihnen ist der, von dem diese Geschichte erzählt.

Also, noch einmal: es war einmal ein Land, voller Burgen, auf denen kleine Zahnritter lebten, und einer von ihnen war der Ritter Stephan.

Anders als die Ritter, die Du aus den Geschichtsbüchern kennst, war Stephan schon immer Ritter, er konnte sich an keine Zeit erinnern, an der es anders gewesen war: er war nie Knappe, hatte keine Schule besucht, an der das Ritterhandwerk gelehrt wurde und er war nie zum Ritter geschlagen worden. Eines Tages war seine Burg erschienen, er mitten drauf, und von Anfang an wusste er was zu tun war.

Stephan ging mehrmals am Tag auf seinen Kontrollgang; zwischen die Zinnen, über die Dächer und um das Fundament seiner Burg führte ihn sein Weg. Er überprüfte den Graben, der um sie herumführte, entfernte Verunreinigungen flickte kleine Risse und versuchte sein kleines Reich sauber und in Schuss zu halten.

Nach und nach erschienen weitere Burgen, und der Ritter hatte viel, sehr viel zu tun!

Eine Burg in Schuss zu halten, das war ihm noch recht leicht gefallen, die zweite und die dritte auch, die vierte und die fünfte, das ging noch, aber es wurden immer mehr.

Seine Kontrollgänge wurden immer länger, die Wege enger und immer unpassierbarer: an den engsten und dunkelsten Stellen lauerten Scheusale, die jede seiner Unachtsamkeiten nutzen um den Mörtel zwischen den Steinen zu kratzen und nach und nach ganze Steine aus den Wänden zu brechen. Zu Beginn war es ihm noch geglückt, Mörtel beizuflicken, aber nachdem die ersten Defekte in die Mauern gebrochen waren und die Scheusale anfingen das kleine Reich von innen zu zerstören, wurde es Stephan Angst und Bange.

Wie gerne hätte er jemanden gehabt, der ihm hilft.

Nur wer könnte das sein?

Jetzt, wo die Burgen fast schon Ruinen sind, ist das sehr viel schwerer: Geröll muss weggeräumt werden, beschädigte Steine entfernt, und die Defekte neu vermauert werden. Ein Zahnritter hat das nicht gelernt, da muss der Zahnarzt helfen, und der macht genau das: Geröll wegräumen, beschädigte Steine entfernen, und die Defekte neu vermauern! Dann ist die Burg nicht mehr neu, aber so gut wie; der Zahnritter kann sie wieder bewohnen, vielleicht so wie ein altes Haus, das ein neues Dach bekommt.

Aber besser ist es, wenn die Burg ganz bleibt, besser ist es, wenn gar nicht erst etwas kaputt geht! Jetzt kommst Du ins Spiel, denn dabei kannst Du ihm helfen, und zwar, indem Du ihn auf seinen Kontrollen begleitest. Am besten machst Du das dreimal am Tag, gut ist nach dem Essen, und wenn Du noch etwas unsicher bist, werden Dir Deine Eltern bestimmt dabei helfen!

Möglich, dass Du vielleicht etwas übersiehst, ein kleines Scheusal, das sich irgendwo versteckt hält und an den Mauern nagt oder seine Brut großzieht, aber auch dabei kann Dir geholfen werden. Du gehst zweimal im Jahr zum Zahnarzt, und der wird dann den Zahnritter auf seinem Kontrollgang begleiten, zwischen die Zinnen, über die Dächer und um das Fundament der Burgen. Und das ist gut so, denn der Zahnarzt hat keine Angst vor irgendwelchen Scheusalen, und wenn er eines findet, dann fliegt es raus, und wenn irgendwo der Mörtel fehlt oder ein Stein, dann macht er den Schaden wieder ganz!

Und wenn Du irgendwelche Fragen hast, wie Du helfen kannst, dann ist das ok.

Und wenn Du denkst das ist doch alles Blödsinn: die Sache mit dem Zahnritter und den Burgen, die er bewohnt und die Sache mit den Scheusalen, die daran nagen, dann ist das, wie mit allen Märchen, irgendetwas ist erfunden und irgendetwas ist wahr.

Und wie in jedem Märchen kann man etwas lernen:

Kleine Scheusale in Deinem Mund gibt es wirklich, sie sind wirklich klein und wirklich scheußlich, sie haben scheußliche Namen, und sie machen Deine Zähne kaputt.

Zahnritter, die in Deinem Mund leben, die gibt es wohl nicht, aber es gibt Dich – und Du kannst und sollst seine Aufgabe übernehmen. Das nötige Rüstzeug und den richtigen Umgang damit, das lernst Du zu Hause und beim Zahnarzt.

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